Wallbox-Installation im Mehrfamilienhaus: Ein Praxisbericht

Eine Wallbox im Einfamilienhaus zu installieren ist eine Sache — die Ladestation im Mehrfamilienhaus zu realisieren, ist eine ganz andere. Wer sich in einer Stockwerkeigentümergemeinschaft oder als Mieter in einem Mehrfamilienhaus befindet, steht vor rechtlichen, technischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen, die oft unterschätzt werden. Dieser Bericht zeigt anhand eines realen Projekts in Zürich, wie fünf Eigentümer gemeinsam fünf Wallboxen mit intelligentem Lastmanagement in ihrer Tiefgarage umgesetzt haben — mit allen Hürden, Überraschungen und konkreten Zahlen.

Die Ausgangslage: Fünf Eigentümer, eine Tiefgarage

Das Mehrfamilienhaus in Zürich-Altstetten umfasst acht Stockwerkeigentümereinheiten. Anfang 2023 besassen fünf der acht Eigentümer bereits ein Elektrofahrzeug oder hatten konkrete Kaufpläne. Alle fünf parkierten in der gemeinsamen Tiefgarage — aber keine einzige Lademöglichkeit war vorhanden.

Das Gebäude stammt aus den 1990er-Jahren. Der Elektroanschluss war zwar ausreichend dimensioniert, aber die Verteilung in der Tiefgarage war veraltet und bot keinen Reserveplatz für neue Leitungen. Kurz: Der technische Ausgangszustand war durchschnittlich, nicht ideal.

Das erste informelle Gespräch fand im Treppenhaus statt. Einer der Eigentümer hatte sich bereits bei einem Elektriker über die Optionen informiert und brachte eine einseitige Zusammenfassung an die Tür der anderen Interessenten. Aus diesem kleinen Zettel wurde schliesslich ein Projekt, das neun Monate dauern sollte.

Schritt 1: Den Abstimmungsprozess in der Gemeinschaft starten

In einer Stockwerkeigentümergemeinschaft (STWEG) kann kein Einzelner einfach Bauarbeiten an der gemeinsamen Tiefgarage beauftragen. Die Garage gilt als gemeinschaftliches Eigentum, und bauliche Veränderungen daran müssen formell beschlossen werden.

Die ordentliche Versammlung nutzen

Die Gruppe der fünf Interessenten entschloss sich, das Thema an der nächsten ordentlichen Eigentümerversammlung traktandieren zu lassen. Dafür reichten sie ein schriftliches Traktandum mit einer kurzen technischen Beschreibung und einer Kostenschätzung ein — vier Wochen vor der Versammlung, wie es das Reglement der Gemeinschaft verlangte.

Empfehlenswert ist, diesen Antrag gut vorzubereiten:

• Skizze des geplanten Leitungswegs in der Tiefgarage

• Erste Offerte eines Elektrikers (auch eine unverbindliche Schätzung reicht)

• Klärung, wer welche Kosten übernimmt (nur die Nutzer oder die gesamte Gemeinschaft?)

• Vorschlag für ein Lastmanagement-System, damit der Hausanschluss nicht überlastet wird

Die drei nicht-interessierten Eigentümer überzeugen

Die drei Eigentümer ohne Elektrofahrzeug standen dem Projekt zunächst skeptisch gegenüber. Ihre Hauptbedenken:

1. Optische Beeinträchtigung der Tiefgarage durch Kabel und Boxen

2. Mögliche Kosten, die auf die Gemeinschaft zurückfallen könnten

3. Generelle Skepsis gegenüber technischer Komplexität

Die Gruppe entschloss sich, einen unabhängigen Elektriker zur Versammlung einzuladen, der die technischen Fragen direkt beantworten konnte. Das erwies sich als entscheidend: Sobald klar war, dass die gesamten Installations- und Betriebskosten ausschliesslich von den fünf Nutzern getragen werden und dass das Lastmanagement eine Überlastung des gemeinsamen Anschlusses verhindert, stimmten alle acht Eigentümer zu.

Tipp: Holt vor der Abstimmung eine schriftliche Zusicherung vom Elektriker, dass das Lastmanagement den bestehenden Hausanschluss nicht gefährdet. Dieses Dokument löst die meisten Einwände.

Der Beschluss fiel einstimmig — was nicht selbstverständlich ist, aber durch die gründliche Vorbereitung ermöglicht wurde.

Schritt 2: Technische Planung und Elektrikerauswahl

Nach dem Grundsatzbeschluss begannen die fünf Eigentümer mit der konkreten Planung. Sie holten drei Offerten bei verschiedenen Elektrikern ein, die Erfahrung mit Wallbox-Installationen in Mehrfamilienhäusern hatten.

Worauf bei der Elektrikerauswahl zu achten ist

Nicht jeder Elektriker kennt die spezifischen Anforderungen einer Wallbox-Installation im Mehrfamilienhaus. Wichtige Kriterien:

• Erfahrung mit Lastmanagementsystemen für mehrere Ladepunkte

• Kenntnisse der lokalen Netzanforderungen (in Zürich: EKZ-Richtlinien)

• Referenzprojekte in Tiefgaragen oder MFH-Umgebungen

• Bereitschaft, mit dem Netzbetreiber die Anmeldung abzuwickeln

Der günstigste Anbieter war nicht derjenige mit der meisten Erfahrung. Die Gruppe entschied sich für den mittleren Anbieter, der zwar CHF 1'800 teurer war, aber zwei abgeschlossene MFH-Projekte in der Region vorweisen konnte.

Leitungsweg und Zählerfrage

Eine der technisch kniffligsten Fragen: Wie werden die einzelnen Wallboxen abgerechnet? Es gab zwei Optionen:

1. Jede Wallbox erhält einen eigenen Unterzähler — individuell und transparent, aber teurer in der Installation.

2. Alle Wallboxen laufen über einen gemeinsamen Zähler, die Abrechnung erfolgt über das Lastmanagementsystem.

Die Gruppe wählte Option 1 mit Unterzählern. Mehr Aufwand bei der Installation, aber langfristig fairer und unabhängig von Systemherstellern.

Schritt 3: Lastmanagement – warum es im MFH unverzichtbar ist

Das ist der technische Kernpunkt jeder Wallbox-Installation im Mehrfamilienhaus, und er wird häufig unterschätzt.

Ein durchschnittliches Mehrfamilienhaus hat einen Hausanschluss von 63 Ampere (dreiphasig). Eine einzige Wallbox mit 11 kW zieht bereits 16 Ampere. Fünf Wallboxen ohne Steuerung könnten theoretisch gleichzeitig 80 Ampere ziehen — mehr, als der Anschluss hergibt. Das führt zur Überlastung, Abschaltung durch den Netzbetreiber oder im schlimmsten Fall zu einem Brand.

Dynamisches vs. statisches Lastmanagement

Es gibt zwei Ansätze:

• Statisches Lastmanagement: Jede Wallbox erhält ein fixes Maximum, z. B. 6 Ampere. Einfach, aber ineffizient — auch wenn nur eine Box lädt, wird die Leistung künstlich begrenzt.

• Dynamisches Lastmanagement: Das System misst in Echtzeit den Gesamtverbrauch des Hauses und verteilt die verbleibende Kapazität flexibel auf die aktiven Ladepunkte. Deutlich smarter.

Die Gruppe entschied sich für ein dynamisches System eines Schweizer Anbieters, das über eine Gateway-Box mit dem Hauptzähler kommuniziert. Die fünf Wallboxen erhalten dadurch jederzeit so viel Leistung wie möglich, ohne den Rest des Hauses zu beeinträchtigen.

Kommunikation zwischen den Wallboxen

Alle fünf Geräte sind über ein dediziertes Ethernet-Kabel (kein WLAN, aus Stabilitätsgründen) miteinander und mit dem Gateway verbunden. Das war ein wichtiger Rat des Elektrikers: In Tiefgaragen mit Stahlbeton ist WLAN unzuverlässig.

Schritt 4: Die Installation in der Tiefgarage

Die eigentlichen Bauarbeiten dauerten dreieinhalb Tage. Dabei arbeiteten zwei Elektriker parallel — einer zog die Leitungen vom Unterverteiler zur Tiefgarage, der andere installierte gleichzeitig die Wallboxen an den Parkplätzen.

Ablauf der Installationsarbeiten

1. Freilegen und Ausmessen des Leitungswegs vom Unterverteiler zu den fünf Parkplätzen

2. Setzen von Leerrohren in der Betondecke (Kernbohrungen an drei Stellen nötig)

3. Einziehen der NYM-Leitungen (5×6 mm²) für jede Wallbox

4. Montage der Unterzähler im Unterverteiler

5. Verlegung des Ethernet-Kabels für das Lastmanagement

6. Befestigung und Anschluss der Wallboxen an den Parkplätzen

7. Inbetriebnahme, Konfiguration des Lastmanagements, Testladen

Die Kernbohrungen waren die lauteste und aufwendigste Arbeit — wer solche Arbeiten plant, sollte die Mitbewohner im Vorfeld informieren.

Herausforderungen vor Ort

Zwei unerwartete Probleme traten auf:

• Ein Parkplatz lag deutlich weiter vom Unterverteiler entfernt als auf dem Grundriss erkennbar. Der Leitungsweg war dadurch 12 Meter länger als geplant — Mehrkosten von CHF 320.

• An einem Parkplatz kollidierte die geplante Montageposition der Wallbox mit einer Betonrippe. Die Box musste 40 cm versetzt werden, was eine Anpassung der Halterung erforderte.

Beide Probleme wurden vor Ort gelöst, ohne das Projekt zu verzögern. Die Vorarbeit — detaillierter Grundriss und ein Begehung mit dem Elektriker vor Auftragserteilung — hatte schlimmere Überraschungen verhindert.

Kosten im Überblick – was das Projekt am Ende gekostet hat

Transparenz ist hier der grösste Mehrwert eines Praxisberichts. Alle Beträge sind in Schweizer Franken und inklusive Mehrwertsteuer angegeben.

Gesamtkosten der Installation (5 Wallboxen)

| Position | Kosten (CHF) |

|---|---|

| 5× Wallbox 11 kW (inkl. Kabel) | 4'750 |

| Lastmanagement-System (Gateway + Lizenz 5 Jahre) | 1'980 |

| 5× Unterzähler | 1'450 |

| Elektriker (Material + Arbeitszeit) | 6'840 |

| Kernbohrungen (3 Stellen) | 780 |

| Anmeldung beim Netzbetreiber | 380 |

| Unvorhergesehenes (Leitungsweg, Halterung) | 420 |

| Gesamtkosten | 16'600 |

Kosten pro Parkplatz

Der Durchschnitt liegt bei CHF 3'320 pro Ladepunkt. Das ist deutlich mehr als eine Wallbox im Einfamilienhaus (typischerweise CHF 1'500–2'200), aber im Rahmen dessen, was Experten für MFH-Installationen veranschlagen.

Die Kosten wurden ausschliesslich von den fünf nutzenden Eigentümern getragen — zu gleichen Teilen, unabhängig von der tatsächlichen Leitungslänge zum jeweiligen Parkplatz. So entstand keine interne Ungleichheit.

Laufende Kosten

• Strom: Wird individuell über den Unterzähler abgerechnet, zum jeweils gültigen Haushaltstarif.

• Systemlizenz: CHF 396 pro Jahr für die gesamte Gemeinschaft (CHF 79.20 pro Nutzer).

• Wartung: Noch keine Kosten — der Elektriker empfahl eine Kontrolle nach fünf Jahren.

Was wir anders machen würden – Lessons Learned

Nach Abschluss des Projekts hat die Gruppe ihre Erfahrungen in einem kurzen Meeting reflektiert. Diese Punkte würden sie beim nächsten Mal ändern:

• Frühzeitiger Kontakt mit dem Netzbetreiber: Die Anmeldung beim EKZ hat drei Wochen gedauert. Wer das früher einleitet, verliert keine Zeit.

• Begehung mit dem Elektriker vor der Offerte: Ein physischer Augenschein hätte den Schätzfehler beim entfernten Parkplatz verhindert.

• Vertragliche Regelung unter den Eigentümern: Was passiert, wenn ein Eigentümer das Auto verkauft? Was, wenn ein neuer Eigentümer einzieht? Diese Fragen wurden nachträglich in einem einfachen internen Dokument geregelt — besser vorher.

• WLAN-Fähigkeit der Wallboxen trotzdem prüfen: Auch wenn Ethernet verwendet wird, ist ein Gerät mit WLAN-Fallback flexibler bei späteren Änderungen.

Fazit und nächste Schritte

Die Wallbox-Installation im Mehrfamilienhaus ist kein einfaches Projekt — aber es ist machbar. Dieses Beispiel zeigt, dass der Schlüssel zum Erfolg nicht die Technik, sondern die Vorbereitung ist: ein klarer Abstimmungsprozess in der Gemeinschaft, ein erfahrener Elektriker mit MFH-Referenzen und ein durchdachtes Lastmanagement.

Die fünf Zürcher Eigentümer laden heute täglich zuhause — in der Tiefgarage, die sich seit der Installation deutlich besser genutzt anfühlt. Die Anlage läuft seit über einem Jahr ohne technische Probleme.

Wer eine ähnliche Ladestation im Mehrfamilienhaus installieren möchte, sollte als nächsten Schritt folgendes tun:

1. Bestandsaufnahme: Wie gross ist der Hausanschluss? Wo befindet sich der Unterverteiler?

2. Interessenten ermitteln: Gibt es weitere Eigentümer oder Mieter, die mitziehen würden?

3. Traktandum vorbereiten: Je besser die Unterlagen, desto schneller der Beschluss.

4. Erfahrenen Elektriker kontaktieren: Mindestens zwei Offerten mit Referenzprojekten einholen.

Das Projekt ist eine Investition — in Komfort, Mobilität und den Wert der Liegenschaft. Wer gut plant, wird am Ende weder Geld noch Nerven bereuen.

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